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CF vom 01.09.2014, Heft 09 , Seite 1 - 1

Rating - Ein vielschichtiges Konzept im Spannungsfeld divergierender Interessen


Prof. Dr. Jens Leker


Liebe Leserinnen und Leser,

ein Rating im Sinne einer Bonitätseinschätzung kann sich auf Schuldner verschiedenster Art beziehen. So kommen hier beispielsweise Privatpersonen, privatwirtschaftliche Unternehmen, Kommunen oder ganze Länder als Ratingobjekte in Frage.

Das große Interesse an Ratings ist wohl wesentlich auf die vielschichtigen Konsequenzen zurückzuführen, die mit einer festgestellten Veränderung der Bonität eines Schuldners einhergehen. Die Bedienung von Zinszahlungen stellt häufig einen nicht unwesentlichen Anteil an den Ausgaben privater Haushalte, am Budget privater Unternehmen oder am Kommunal- oder Staatshaushalt dar. Dabei orientiert sich der Zinssatz vor allem an der festgestellten Bonität des Schuldners, die somit einen erheblichen Einfluss auf dessen Ausgabenstruktur hat.

Spannende Entwicklungen zeichnen sich insbesondere in den Bereichen Kommunalrating, Mittelstandsrating und Personenrating ab.

Die desolate Finanzsituation vieler Kommunen wird beim Blick auf das Ausmaß der jeweils beanspruchten Kassenkredite leicht ersichtlich und ist somit ein offenes Geheimnis. Dank des Haftungsverbundes aus Kommunen, Bund und Ländern und der damit verbundenen Insolvenzunfähigkeit der Kommunen konnten diese trotzdem bisher von zinsgünstigen Finanzierungsbedingungen profitieren. Welchen Sinn macht es in diesem Zusammenhang, diese damit von der jeweiligen Finanzsituation weitestgehend entkoppelte aber offenkundig wenig stabile Kommunalfinanzierung einem Rating zu unterwerfen? Die Antwort wird zum einen mit den Vorschriften des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht (Basel III) und der dort eingeführten Höchstverschuldungsquote (sog. Leverage Ratio) begründet. Zum anderen wird auch die Hoffnung nach einer disziplinierenden Wirkung, vergleichbar mit den Entwicklungen und Verhaltensmustern bei den von Ratingverschlechterungen betroffenen Ländern, geäußert. Es bleibt abzuwarten, ob Ratingbefürworter oder aber Ratinggegner, die insbesondere das Kosten-Nutzenverhältnis von Kommunalratings in Frage stellen, hier am Ende des Diskurses obsiegen.

Im Markt der Mittelstandsanleihen drängt sich die Frage auf, welche Entscheidungshilfe die entsprechenden Mittelstandsratings bieten können. In aller Regel verfügen die Emittenten lediglich über ein Rating, welches sich auf den Emittenten selbst und nicht auf den emittierten Finanztitel bezieht. Neben unterschiedlichen Beurteilungsobjekten (Emittent vs. Emission) gehen hiermit zwangsläufig auch divergierende Beurteilungshorizonte (1-Jahres-Ausfallwahrscheinlichkeit des Emittenten vs. Laufzeit des emittierten Finanztitels) einher. Welche Informationsfunktion hat in diesem Zusammenhang beispielsweise ein BBB-Rating (Investment Grade) für ein Geschäftsjahr, wenn die Investoren weder durch Garantien noch durch andere Sicherheitsleistungen über die gesamte Laufzeit des Finanztitels abgesichert sind? Sollte man in diesem Kontext indikativen Ratings der Emittenten den Vorzug geben und dann gleichzeitig das Hauptaugenmerk auf eine transparente Darstellung der anleihespezifischen Sicherheiten legen? Oder sind hier andere Ratingkonzepte gefordert die den jeweiligen Finanztitel in die Mitte der Analyse rücken? In jedem Fall scheint es geboten, die vorhandenen Strukturen zu überdenken, um das Vertrauen der Investoren im schwächelnden Marktsegment der Mittelstandsanleihen zu stärken.

Eine rasante und zudem diskussionswürdige Entwicklung zeichnet sich im Bereich des Personenratings ab. Unter dem Stichwort Big Data Scoring wird das Verhalten von Individuen in den sozialen Medien erfasst und analysiert. Dabei wird ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Verhalten in sozialen Netzwerken und der Bonität einer Person hergestellt. Merkmale wie der Beziehungsstatus haben dann einen Einfluss auf die Einschätzung der Zahlungsfähigkeit. Die Frage ist, worauf wir uns in Zukunft einstellen müssen. In jedem Fall scheint es fragwürdig, wenn die Art der Freunde in sozialen Netzwerken die Finanzierungsbedingungen bei Verbraucherkrediten maßgeblich bestimmen sollte. Hier ist ganz sicher noch einiges an Strukturen zu entwickeln, um die schützenswerten Interessen des Einzelnen mit den berechtigten Interessen der Kreditwirtschaft sachgerecht in Einklang zu bringen.

Wie Sie sehen, steht das facettenreiche Thema Rating aktuell völlig zu Recht im Fokus des Interesses.

Eine spannende Lektüre wünscht Ihnen

Ihr Jens Leker

Prof. Dr. Jens Leker ist Mitherausgeber von CORPORATE FINANCE und geschäftsführender Direktor des Instituts für betriebswirtschaftliches Management im Fachbereich Chemie und Pharmazie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, E-Mail: [email protected]

Prof. Dr. Jens Leker

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