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CFB vom 04.06.2012, Heft 04 , Seite 1 - 1, CFB0474510

Kapitalmarktevolution im Internetzeitalter: Multidimensionale Veränderungen und säkulare Trends


Liebe Leserinnen und Leser,

die Periode seit der Jahrtausendwende wird in Bezug auf die globalen Aktienmärkte oftmals als die verlorene Dekade bezeichnet. Die meisten Aktienmärkte weisen seit dem Milleniumwechsel keine oder oftmals sogar eine negative Performance auf. Analysiert man aber die dahinter liegenden Veränderungen in den Kapitalmärkten, stellt man säkulare Entwicklungen fest, deren Endpunkte noch gar nicht absehbar sind.

Dies betrifft zu allererst einmal die Kapitalmärkte selbst. Viele neue Kapitalmarktprodukte sind entwickelt und verbreitet worden: eine fast unüberschaubar große Anzahl an Zertifikaten ist entstanden, zum Teil basierend auf hochkomplexen Derivatestrukturen, aber auch passive Indexprodukte oder CFD Handel, um nur einige exemplarisch zu nennen. Neue Anlageklassen, wie insbesondere eine Vielzahl an Rohstoffen, speziell Gold als "Ersatzwährung", Ackerland und Wald, Kunst, materielle Güter wie Oldtimer und Wein, sind vermehrt Bestandteil von Anlageentscheidungen geworden. Auch das Börsengeschehen selbst hat sich durch das maschinengesteuerte Hochfrequenztrading, das an vielen Börsen deutlich mehr als die Hälfte des Börsenumsatzes ausmacht, massiv verändert. Für Investoren rückt das ganze Themenspektrum "Absolute Return" zunehmend in den Focus.

Die Verbreitung und Leistungsexplosion des Internets und der mobilen Kommunikation mit ihren multidimensionalen Konsequenzen, wie jederzeit und überall verfügbare Informationen und Transaktionsmöglichkeiten sowie die gleichzeitige Kommunikation mit einer Vielzahl von Teilnehmern überall auf der Welt mit Medien wie Facebook und Twitter generieren eine vollkommen neue Basis für die Kapitalmärkte. Dieser technologische Quantensprung trifft auf tiefgreifende gesellschaftliche, politische und demographische Strukturveränderungen bei einer gleichzeitig voranschreitenden Globalisierung. Das ganze wird dramatisch durch die weltweite Schuldenkrise zugespitzt und verschärft.

Welche Auswirkungen zeigt das nun auf die Kapitalmärkte? Die Kursschwankungen insbesondere in den Aktienmärkten haben deutlich zugenommen und zwar sowohl in Jahreszeiträumen als auch in Intraday-Schwankungen. Aktienkurse entfernen sich zum Teil erheblich von dem Kurswert, den man als fairen Wert bezeichnen könnte. Allein diese erhöhten Volatilitäten und hohen "Mittelwertabweichungen" erhöhen signifikant das Risiko, Fehlentscheidungen bei Investmentanlagen zu treffen. Dazu kommt, dass Trends in immer kürzeren Abständen kommen und gehen. Haben Internet und New Economy Unternehmen in den letzten drei Jahren bis zur Jahrtausendwende mit ihren Börsengängen die Börsen noch geflutet und neue Börsensegmente (Neuer Markt) entstehen lassen, sind diese in wenigen Jahren nach 2000 entweder komplett verschwunden oder in der Bedeutungslosigkeit versunken. Auf der anderen Seite haben es weltweit ein paar Unternehmen (Google, Facebook, Apple) innerhalb ganz weniger Jahre zu den größten Marktkapitalisierungen weltweit gebracht und damit viele international etablierte Blue Chips übertroffen, die ihre Marktkapitalisierung in vielen Jahrzehnten aufgebaut haben. Der Erneuerbare Energien Sektor ist ebenso ein Beispiel für eine rasante Berg- und Talfahrt. Etliche Unternehmen haben innerhalb weniger Jahre bis 2008 eine Kursexplosion von einigen tausend Prozent erlebt und sind danach auf Kursniveaus von Micro Caps zusammengeschrumpft.

Die weltweite Staatsschuldenkrise hat zu rekordniedrigen Renditen für deutsche Staatsanleihen und andererseits zu deutlich erhöhten Risiken des Anleiheausfalls bei (anderen) Staatsanleihen geführt. In Japan, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, sind Investoren seit mehr als zwei Jahrzehnten mit per saldo dramatisch fallenden Aktienkursen und sehr niedrigen Renditen für japanische Staatsanleihen belastet.

Die demographische Entwicklung mit geringen Geburtenraten und erhöhten Lebenserwartungen in vielen Industriestaaten aber auch ehemaligen Schwellenländern wie China und Russland stellt die Sozialsysteme wie Alters- und Gesundheitsversorgung vor Zerreißproben. Verschärft wird diese Alterversorgungsproblematik dadurch, dass die von privaten Institutionen angebotenen Pensionsversprechen in Deutschland größtenteils in festverzinsliche Instrumente investieren. Niedrige Renditen festverzinslicher Anlagen und zunehmende reale Risiken von Schuldnerausfällen verringern die Chancen der privaten Altersvorsorge.

Intragesellschaftliche Umverteilungen durch höhere Steuern und Vermögensabgaben einerseits und prohibitive Maßnahmen von Staaten andererseits, letztlich als Folge von Schuldenkrise und Wachstumsschwäche, können die Kapitalmarktverwerfungen kumulieren lassen.

Viele Gesetzmäßigkeiten und Erfahrungswerte aus der Vergangenheit gelten daher so nicht mehr. CORPORATE FINANCE biz will die neuen Entwicklungen am Kapitalmarkt zukünftig noch näher an der Praxis in der Rubrik OUTLOOK aufgreifen. Den Auftakt macht Dr. Bernd Meyer mit einem Beitrag in diesem Heft zu den zunehmenden Korrelationen der verschiedenen Assetklassen und deren Auswirkungen auf Anlageentscheidungen.

Ihr Hans-Dieter Klein

Dr. Hans-Dieter Klein ist Mitglied des Herausgeberkreises von CORPORATE FINANCE biz.

Dr. Hans-Dieter Klein

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