Contentpartner

Dieses Dokument zum Druck aufbereiten

CFB vom 10.09.2012, Heft 06 , Seite 285 - 299, CFB0483574

Inverse Stresstests in Kreditinstituten: Ein quantitativ orientierter Ansatz

ABSTRACT

Gliederung

I.Einleitung
II.Aufsichtsrechtliche Anforderungen
III.Nutzen und Einordnung inverser Stresstests
IV.Ein quantitativ orientierter Ansatz
 1.Operationalisierung des Begriffs "Nichtfortführbarkeit des Geschäftsmodells"
 2.Bestimmung des bestandsgefährdenden Verlustbetrags
 3.Identifikation bestandsgefährdender Szenarien und Szenarioextrahierung
 4.Beziehung zwischen inversen Stresstests und Geschäftsstrategie
V.Zusammenfassung

Einleitung

In den vergangenen Jahren entwickelten sich Stresstests zum integralen Bestandteil des Risikomanagements von Kreditinstituten. Stresstests ermöglichen die Identifikation und umfassende Bewertung wesentlicher Risiken sowie eine vertiefte und zukunftsgerichtete Analyse des Risikopotentials. Durch die damit verbundene Erhöhung der Transparenz des bankindividuellen Risikoprofils erlauben diese fundierte und konsistente Planungs-, Steuerungs- und Entscheidungsprozesse. Stresstests können im Kontext einer wertorientierten Unternehmensführung Steuerungsimpulse generieren, deren Umsetzung positive risikoadjustierte Ergebnisbeiträge und damit eine nachhaltige Steigerung des Eigenkapitalwertes, der Wettbewerbsstärke sowie der Institutsstabilität zur Folge haben. Die potentiellen betriebswirtschaftlichen Vorteile der Durchführung von Stresstests hinsichtlich der Erhöhung der individuellen Institutsstabilität stellen für den mit der Zielrichtung der Sicherung der Finanzmarktstabilität agierenden Regulator die wesentliche Motivation dar, umfassende aufsichtsrechtliche Vorgaben zu Stresstests zu formulieren (Stichwort mikroprudentielle Regulierung).

Die erstmalig im Rahmen der Umsetzung von Basel II formulierten regulatorischen Anforderungen zu Stresstests durchliefen in der jüngeren Vergangenheit eine ausgesprochen dynamische und nachhaltige Entwicklung. Verantwortlich hierfür waren in erster Linie die von Finanzindustrie und Aufsicht im Kontext der einschneidenden Ereignisse seit Ausbruch der Subprime-Krise gewonnenen Erkenntnisse über substantielle Unvollständigkeiten sowie Schwächen in den bis dato existierenden internen Risikomanagementmethoden und -prozessen. Mit der Zielsetzung der Eliminierung bzw. Verminderung der erkannten Schwachstellen wurden weitreichende Veränderungen an dem internationalen und nationalen bankaufsichtsrechtlichen Rahmenwerk vorgenommen, welche insbesondere auch das Stresstesting betreffen. Denn besonders das Unvermögen der Institute, bisher unbekannte Krisenauslöser, Korrelations- sowie Verstärkungs- und Feedbackeffekte auf Grundlage der bis dato durchgeführten - regelmäßig vergangenheitsorientierten - Stresstests zu identifizieren und adressieren, wurde als ein zentrales Problemfeld im Bereich des Risikomanagements der Kreditinstitute erkannt. Neben einer generellen Erweiterung der regulatorischen Anforderungen an Qualität, Umfang und Komplexität des institutsinternen Stresstestingprogramms wurde eine - für die Mehrheit der Institute - vollkommen neue Kategorie von Stresstests eingeführt, die sogenannten inversen Stresstests. Während ein klassischer bzw. konventioneller Stresstest an einem exakt spezifizierten Szenario (z.B. makroökonomischer Downturn) ansetzt und die Auswirkungen dieses Szenarios auf das Kreditinstitut quantifiziert und analysiert, werden bei einem inversen Stresstest auf Grundlage eines vorgegebenen, genau definierten Ergebnisses als Ausgangspunkt, durch ein retrogrades Vorgehen diejenigen Parameteränderungen identifiziert und die dazu gehörenden Szenarien bzw. Ereignisse spezifiziert, die (gerade) zu diesem Ergebnis führen. Das Vorgehen klassischer Stresstests wird bei inversen Stresstests entsprechend der Namensgebung somit invertiert. Ziel ist es, die als Schwachstelle konventioneller Stresstests erkannte Krisenkurzsichtigkeit ("disaster myopia") und das damit zusammenhängende gegebenenfalls falsche Sicherheitsgefühl der Entscheidungsträger zu reduzieren. Inverse Stresstests sollen dazu beitragen, die Transparenz im Institut über maßgebliche Risikotreiber zu erhöhen und die Eignung sowie Schwere der Szenarien bei klassischen Stresstests im Sinne eines "Backtesting" besser einordnen zu können. Ferner sollen inverse Stresstests einen zusätzlichen Orientierungspunkt für die Anfälligkeit des Instituts für existenzgefährdende Entwicklungen erzeugen und so die Identifikation potentieller Gefahren für das eigene Geschäftsmodell erleichtern.

Gemäß der Neuheit des Ansatzes und der damit verbundenen aufsichtsrechtlichen Anforderungen befinden sich die Methoden und Prozesse zum inversen Stresstesting in Kreditinstituten aktuell in einem sehr frühen Entwicklungsstadium. Entsprechend zeigen sich sowohl in der akademischen als auch praxisorientierten Literatur zu dieser Thematik bis dato erhebliche Forschungslücken. Dies gilt insbesondere hinsichtlich einer stringenten quantitativen Vorgehensweise für größere und komplexere Kreditinstitute.

Vorliegender Artikel stellt einen umfassenden, quantitativ orientierten, risikoartenübergreifenden Ansatz zum inversen Stresstesting vor und will damit zu einem Erkenntnisfortschritt sowie zur Schließung bestehender Forschungslücken beitragen. Die weiteren Ausführungen sind folgendermaßen strukturiert: In nachfolgendem Abschnitt werden zunächst die wesentlichen internationalen und nationalen aufsichtsrechtlichen Anforderungen dargestellt. Daran anschließend wird in Abschnitt III der Nutzen inverser gegenüber klassischen Stresstests erläutert und deren Einordnung in die allgemeine Systematisierung von Stresstests vorgenommen. Auf dieser Basis erfolgt in Abschnitt IV die Darstellung eines risikoartenübergreifenden quantitativ orientierten Ansatzes, welcher die Generierung ökonomischer Steuerungsimpulse im Rahmen einer wertorientierten Unternehmensführung und die Erfüllung der an große und komplexe Institute gestellten aufsichtsrechtlichen Anforderungen ermöglicht. Dabei wird zunächst (Abschnitt IV.1) eine Operationalisierung des Begriffs der "Nichtfortführbarkeit des Geschäftsmodells" vorgenommen, welcher gemäß den Vorgaben der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BafFin) den Ansatzpunkt für die Durchführung inverser Stresstests zu bilden hat. Auf dieser Grundlage erfolgt in Abschnitt IV.2 die Definition der bestandsgefährdenden Verlusthöhe, welche durch ein inverses Stressereignis gerade nicht überschritten werden soll. Ansätze zur Identifikation und Extrahierung relevanter bestandsgefährdender Szenarien werden in Abschnitt IV.3 diskutiert. Abschnitt IV.4 charakterisiert die enge Beziehung zwischen inversen Stresstests sowie geschäfts- und risikostrategischen Vorgaben. Der Beitrag schließt in Abschnitt V mit einer Zusammenfassung der grundlegenden Ergebnisse.


Informationen zu den Autoren

Dr. Philipp Gann, MBR, arbeitet als Spezialist Risikocontrolling im Unternehmensbereich Group Risk Control der BayernLB München. Der Verfasser dankt Robert Buchberger und Dr. Britta Grüneis-Kunze für hilfreiche Kommentare und Hinweise.


LOGIN ERFORDERLICH

Die Volltexte im CORPORATE FINANCE fachportal stehen nur Abonnenten zur Verfügung. Zur Anzeige eines Dokuments geben Sie bitte zunächst Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein.

Sie sind noch nicht Abonnent von CORPORATE FINANCE?

Testen Sie jetzt kostenfrei CORPORATE FINANCE und das CORPORATE FINANCE fachportal. Bereits in der Testphase können Sie das Fachportal uneingeschränkt nutzen.

ODER:

Sie können dieses Dokument im Rahmen unseres Einzeldokumentverkaufs in unserem Shop erwerben. Klicken Sie dazu auf den Warenkorb.
Dieses Dokument im Shop erwerben.
© CFB, Fachverlag der Verlagsgruppe Handelsblatt GmbH 2012
Neu im CF-Fachportal
Finanzen im Mittelstand