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CFB vom 09.01.2012, Heft 01 , Seite 24 - 34, CFB0462150

Ein GuV-orientierter Ansatz zur Quantifizierung des Geschäftsrisikos in Kreditinstituten

Vorliegender Beitrag stellt einen Value-at-Risk basierten Ansatz zur Quantifizierung des Geschäftsrisikos auf Grundlage der Gewinn- und Verlustrechung vor. Die erläuterte Methodik ermöglicht eine konsistente Ermittlung des Geschäftsrisikos sowohl für unterschiedliche Konfidenzniveaus und damit Risikotragfähigkeitskonzepte als auch Stressszenarien. Das Geschäftsrisiko kann dabei periodenübergreifend für einen Ein-Jahres-Horizont berechnet und über den Bilanzstichtag des zukünftigen Geschäftsjahres hinaus betrachtet werden. Durch die explizite Integration der Zukunftsperspektive in die Risikoquantifizierung wird eine enge Verknüpfung mit der Unternehmensplanung induziert. Die vorgestellte Quantifizierungslogik basiert nicht auf (hypothetischen) Szenarien und vermeidet so das infolge der Subjektivität szenariobasierter Ansätze oftmals auf Managementebene anzutreffende Problem der mangelnden Akzeptanz der Ergebnisse der Risikorechnung.

Gliederung

I.Einleitung
II.Grundsätzliche Vorgehensweise
III.Quantifizierung des Geschäftsrisikos
 1.Identifikation der geschäftsrisikorelevanten GuV-Positionen
 2.Quantifizierung des Geschäftsrisikos auf Basis historischer Plan-Ist-Abweichungen
IV.Zusammenfassung

Einleitung

Starke strukturelle Veränderungen der internationalen Kredit- und Kapitalmärkte sowie die zunehmend an Komplexität gewinnenden regulatorischen und politischen Maßnahmen erhöhen kontinuierlich den Druck auf Kreditinstitute, die übernommenen Risiken wertorientiert zu steuern. Die betriebswirtschaftliche Notwendigkeit, im Kontext einer wertorientierten Gesamtbanksteuerung eine möglichst vollständige Transparenz und Kapitalunterlegung des bankindividuellen Risikoprofils zu erreichen, wird durch aufsichtsrechtliche Vorgaben mit identischer Zielrichtung begleitet. Gemäß AT 1 Abs. 2 der Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) sind von den Instituten im Rahmen ihres Internal Capital Adequacy Assessment Process (ICAAP) "(...) angemessene Leitungs-, Steuerungs- und Kontrollprozesse ("Robust Governance Arrangements") sowie Strategien und Prozesse einzurichten, die gewährleisten, dass genügend internes Kapital zur Abdeckung aller wesentlichen Risiken vorhanden ist (...)." Bis auf die explizit in den MaRisk genannten Adressenausfall-, Länder-, Marktpreis-, Liquiditäts- und operationellen Risiken erfolgt von Seiten der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) keine weitergehende Spezifizierung, welche Risiken das Kreditinstitut als wesentlich einzustufen hat. Vielmehr muss sich die Geschäftsleitung eines Instituts zur Beurteilung der Wesentlichkeit regelmäßig und anlassbezogen im Rahmen einer Risikoinventur einen Überblick über alle potentiellen Risiken des Instituts verschaffen (Gesamtrisikoprofil) um auf dieser Basis eine Definition der institutsindividuell als wesentlich identifizierten Risiken vorzunehmen. Für alle wesentlichen Risiken sind geeignete Risikosteuerungs- und -controllingprozesse einzurichten. Ferner sind diese grundsätzlich in der Risikotragfähigkeitsanalyse sowohl unter normalen als auch unter Stress-Bedingungen zu berücksichtigen. Werden Risiken als wesentlich erkannt aber nicht in das Risikotragfähigkeitskonzept einbezogen, so ist deren Nichtberücksichtigung nachvollziehbar zu begründen und sicherzustellen, dass diese dennoch angemessen in die Risikosteuerungs- und -controllingprozesse des Instituts integriert werden. Generell ist eine Nichtberücksichtigung nur dann möglich, wenn das jeweilige Risiko aufgrund seiner Eigenart nicht sinnvoll durch Risikodeckungspotential (RDP) begrenzt werden kann. Durch das beschriebene Vorgehen soll sowohl für das Unternehmensmanagement als auch den Regulator eine maximale Transparenz hinsichtlich des institutsindividuellen Risikoprofils erreicht und auf dieser Basis eine adäquate Kapitalunterlegung desselben sichergestellt werden.

Geschäftsrisiken spielen sowohl in der aktuellen theoretischen und praktischen Literatur als auch in den tatsächlich gelebten Risikotragfähigkeitskonzepten der Kreditinstitute nach wie vor eine untergeordnete Rolle. So wird das Geschäftsrisiko gemäß einer 2010 durchgeführten Untersuchung der Deutschen Bundesbank lediglich von ca. 14% der Institute im Rahmen ihres Risikotragfähigkeitskonzepts berücksichtigt. Dies verwundert, können doch in einem dynamischen Wettbewerbsumfeld unerwartete Veränderung der Umfeldbedingungen bei zu später oder falscher Gegenreaktion schwerwiegende Konsequenzen für den Erfolg sowie den Going Concern des Instituts haben. Ein wesentlicher Grund für die ungenügende Berücksichtigung des Geschäftsrisikos im Risikomanagement der Institute ist in der Schwierigkeit einer geeigneten Quantifizierung sowie Abgrenzung dieses Risikos von anderen, in der Risikotragfähigkeitsanalyse bereits berücksichtigten, Risikoarten zu sehen. Die möglichst eindeutige Abgrenzung des Geschäftsrisikos gegenüber anderen Risikoarten ist zur Vermeidung von Doppelanrechnungen im Rahmen der Quantifizierung des Risikoprofils des Instituts jedoch essentiell.

Entsprechend dieser Abgrenzungsnotwendigkeit wird das Geschäftsrisiko nachfolgend als das Risiko ökonomischer Verluste definiert, das durch unerwartete Veränderungen im wirtschaftlichen, regulatorischen, politischen, sozialen, technologischen oder ökologischen Geschäftsumfeld induziert wird und nicht bereits explizit oder implizit durch andere in der Risikotragfähigkeitsrechnung berücksichtigte Risikoarten erfasst ist. Da die Unternehmensstrategie erwartete Veränderungen des Geschäftsumfelds adäquat zu berücksichtigen sucht, sollte diese im besten Fall dazu geeignet sein, das Risikopotential ex ante erkennbarer Geschäftsrisiken zu eliminieren oder zumindest zu reduzieren. Demnach besteht eine enge Verknüpfung zwischen strategischem Risiko und Geschäftsrisiko. Da eine konsistente Trennung dieser beiden Risikoarten nicht bzw. (für ex ante erkennbare Geschäftsrisiken) nur partiell möglich ist, wird das strategische Risiko in den nachfolgenden Ausführungen als impliziter Teil des Geschäftsrisikos betrachtet. Unter strategischem Risiko wird dabei nachfolgend das Risiko ökonomischer Verluste durch geschäftspolitische Entscheidungen, mangelnde und ungenügende Umsetzung von Entscheidungen oder eine verspätete Anpassung der Geschäftsstrategie an Veränderungen im wirtschaftlichen, regulatorischen, politischen, sozialen, technologischen oder ökologischen Umfeld verstanden.

Grundsätzlich existieren quantitative und qualitative Ansätze zur Risikobewertung sowie vielfältige Zwischenformen (semi-quantitative Methoden). Qualitative Methoden wie Expertenbefragung oder Behavioral Finance-Analysen suchen das Risikopotential regelmäßig auf Grundlage szenariobasierter Ansätze abzuleiten. Die Ergebnisse bzw. Maßzahlen qualitativer Verfahren der Risikoermittlung sind jedoch für unterschiedliche Risikoarten, Portfolien oder einzelne Risikopositionen oftmals nicht oder nur eingeschränkt vergleichbar. Eine konsistente und theoretisch fundierte Ermittlung des aggregierten Risikopotentials des Kreditinstituts ist dementsprechend nur schwer durchführbar. Der Einsatz qualitativer Techniken sowohl im Kontext der Risikotragfähigkeitsanalyse als auch im Rahmen einer wertorientierten Gesamtbanksteuerung ist damit nur mit Einschränkungen zweckmäßig.

Vorliegender Beitrag stellt einen Value-at-Risk basierten Ansatz zur Ermittlung des Geschäftsrisikos auf Grundlage der handelsrechtlichen Gewinn- und Verlustrechung und damit ein quantitatives Verfahren zur Geschäftsrisikobewertung vor. Die erläuterte Methodik ermöglicht eine konsistente und stringente Ermittlung des Geschäftsrisikos für unterschiedliche Konfidenzniveaus und damit Risikotragfähigkeitskonzepte (Liquidationsansatz versus Going Concern-Ansatz) sowie Stressszenarien. Die Berechnung basiert dabei sowohl auf Vergangenheitsdaten als auch für die kommenden Geschäftsjahre geplanten Ertrags- und Aufwandsgrößen. Die ex post-Betrachtung stellt sicher, dass Informationen über die in der Vergangenheit eingetretenen Geschäftsrisiken des Instituts in die Quantifizierung des für die Zukunft unterstellten Geschäftsrisikos integriert werden. Durch die Berücksichtigung von für das kommende Geschäftsjahr geplanten Größen in der Kalibrierung der der Ableitung des Geschäftsrisikos zugrundeliegenden Verteilungsfunktionen, wird die Zukunftsperspektive explizit in die Risikoquantifizierung integriert und eine enge Verknüpfung mit der Unternehmensplanung induziert. Ferner kann das Geschäftsrisiko entsprechend den Anforderungen der MaRisk auf Basis der vorgestellten Methodik angemessen auch über den Bilanzstichtag des zukünftigen Geschäftsjahres hinaus betrachtet und periodenübergreifend für einen Ein-Jahres-Horizont ermittelt werden. Die Integration der ex ante-Betrachtung in die Ermittlung des Geschäftsrisikos ermöglicht es darüber hinaus, geeignete Risikosteuerungs- und -controllingprozesse für das Geschäftsrisiko einzurichten und damit die aufsichtsrechtlichen Anforderungen zu erfüllen. Die nachfolgend vorgestellte Quantifizierungslogik basiert nicht auf (hypothetischen) Szenarien. Sie vermeidet dadurch das infolge der starken Subjektivität szenariobasierter Ansätze oftmals auf Managementebene anzutreffende Problem der mangelnden Akzeptanz der Ergebnisse der Risikorechnung und der daraus resultierenden ungenügenden Berücksichtigung der Berechnungsresultate bei Managemententscheidungen. Weiterhin ermöglicht die Systematik des vorgestellten Ansatzes die Bestimmung eines erwarteten und unerwarteten Verlustbeitrags aus Geschäftsrisiko, wodurch die unternehmensinterne Akzeptanz durch einen dem Kreditrisiko vergleichbaren Risikobegriff erhöht wird.


Informationen zu den Autoren

Dr. Philipp Gann, MBR und Dipl.-Kfm. Stefan Marschall arbeiten als Spezialisten Risikocontrolling im Unternehmensbereich Group Risk Control der BayernLB München. Die Verfasser danken Robert Buchberger, Barbara Gerhard und Dr. Britta Grüneis-Kunze für wertvolle Kommentare und Hinweise. Verbleibende Fehler sind alleine von den Verfassern zu verantworten.


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